Avicularia (Lamarck, 1818)
Systematik und Taxonomie
Die Gattung Avicularia (lat.: avicularis = vogelähnlich) wurde im Jahr 1818 von Lamarck aufgestellt und gehört zur Unterfamilie der Aviculariinae innerhalb der Familie Theraphosidae. Über viele Jahrzehnte galt Avicularia als die bekannteste und zugleich problematischste Gattung der baumbewohnenden Vogelspinnen Amerikas.
Die Typusart der Gattung ist Avicularia avicularia (Linnaeus, 1758). Bereits 1758 beschrieb Carl von Linné diese Art in seinem berühmten Werk Systema Naturae. Wie damals üblich, wurde die Art zunächst der Sammelgattung Aranea zugeordnet und trug den Namen Aranea avicularia.
Bei der Namensgebung ließ sich Linné vermutlich von den Beobachtungen der Naturforscherin und Künstlerin Maria Sibylla Merian inspirieren. Während ihres Aufenthalts in Surinam fertigte sie zahlreiche naturkundliche Zeichnungen an und veröffentlichte diese 1705 in ihrem Werk Metamorphosis Insectorum Surinamensium. Einer der berühmtesten Kupferstiche zeigt eine große Vogelspinne beim Erbeuten eines kleinen Vogels. Obwohl ein solches Verhalten bei Vogelspinnen nur gelegentlich beobachtet wird, prägte diese Darstellung die europäische Vorstellung von den „Vogelspinnen“ nachhaltig.
Die Revision von Fukushima & Bertani (2017)
Bis in die 2010er Jahre wurden zahlreiche Arten der heutigen Gattungen Caribena, Antillena und Ybyrapora als Avicularia geführt. Im Rahmen einer umfassenden Revision der Aviculariinae konnten Fukushima, Caroline Sayuri und Bertani, Rogério jedoch zeigen, dass mehrere Artengruppen klar von den eigentlichen Avicularia abgrenzbar sind. Daraufhin wurden 2017 die Gattungen Caribena, Antillena und Ybyrapora neu aufgestellt und zahlreiche Arten ausgegliedert.
Hierdurch verringerte sich der Umfang der Gattung Avicularia erheblich. Die Arten der Kleinen Antillen gehören heute beispielsweise nicht mehr zu Avicularia, sondern zu Caribena beziehungsweise Antillena.
Charakteristische Merkmale
Arten der Gattung Avicularia besitzen Typ-II-Brennhaare auf dem Opisthosoma, eine ausgeprägte Scopula an Tarsen und Metatarsen sowie eine überwiegend arboreale Lebensweise. Die Tiere errichten Wohnröhren und Gespinste in Baumhöhlen, Astgabeln oder zwischen Blättern.
Viele Arten zeigen im Vergleich zu anderen Aviculariinae ein eher ruhiges Verhalten. Bei Störungen wird meist zunächst die Flucht ergriffen oder das Abdomen dem Angreifer entgegengehalten. Ein Abstreifen der Brennhaare wie bei vielen bodenbewohnenden Theraphosinae findet nicht statt. Stattdessen können die Tiere ihre feinen Typ-II-Brennhaare durch direkten Kontakt übertragen.
Verbreitung
Die Gattung Avicularia ist in Mittel- und Südamerika verbreitet. Das Verbreitungsgebiet reicht von Mittelamerika über Trinidad bis nach Brasilien, Peru, Ecuador, Kolumbien, Venezuela, Guyana, Surinam und Französisch-Guayana.
Die Mehrzahl der Arten bewohnt tropische Regenwälder und lebt dort ausschließlich oder überwiegend auf Bäumen. Ihre Wohnröhren werden häufig in Astlöchern, Rindenspalten oder Bromelien angelegt.
Die Avicularia-Problematik
Kaum eine Vogelspinnengattung war über einen so langen Zeitraum von taxonomischen Problemen geprägt wie Avicularia.
Ein Großteil der historischen Artbeschreibungen stammt aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Viele dieser Beschreibungen waren unvollständig, beruhten auf Einzelstücken oder wurden anhand von Tieren unbekannter Herkunft angefertigt. Teilweise gingen Typusexemplare verloren oder waren aufgrund ihres Alters für moderne Vergleiche kaum noch nutzbar.
Zusätzlich erschwerte die außerordentliche Variabilität der Tiere eine sichere Bestimmung. Viele Arten unterscheiden sich nur durch geringe Merkmale der Spermatheken oder Bulbenmorphologie. Färbung und Behaarung können dagegen innerhalb einer Population erheblich variieren.
Dadurch entwickelte sich Avicularia im Laufe der Zeit zu einer regelrechten „Restgattung“, in der zahlreiche baumbewohnende Vogelspinnen zusammengefasst wurden, ohne dass ihre tatsächlichen Verwandtschaftsverhältnisse geklärt waren.
Die Revision von Fukushima & Bertani (2017) stellte deshalb einen Meilenstein in der Erforschung der Aviculariinae dar und beseitigte einen Großteil der historischen Fehlzuordnungen. Dennoch existieren innerhalb der Gattung weiterhin taxonomische Fragestellungen, insbesondere im Umfeld der Morphe von Avicularia avicularia sund Avicularia juruensis.
Avicularia in der Terraristik
Kaum eine andere Vogelspinnengattung hat die moderne Terraristik derart beeinflusst wie Avicularia. Insbesondere Avicularia avicularia, A. minatrix und A. purpurea gehören seit Jahrzehnten zu den beliebtesten Baumvogelspinnen.
Die frühere taxonomische Unsicherheit führte jedoch auch im Hobby zu erheblichen Problemen. Zahlreiche Tiere wurden unter Handelsnamen wie:
- Avicularia metallica
- Avicularia huriana
- Avicularia braunshauseni
- Avicularia urticans
- Avicularia geroldi
angeboten, obwohl ihre taxonomische Stellung häufig ungeklärt war oder die Namen später als Synonyme betrachtet wurden.
Hinzu kam, dass Importtiere oftmals ohne exakte Fundortangaben in den Handel gelangten. In vielen Fällen wurden unterschiedlich bestimmte Tiere miteinander verpaart, wodurch zahlreiche Hobbybestände entstanden, deren ursprüngliche Herkunft heute nicht mehr nachvollziehbar ist.
Für eine wissenschaftlich fundierte und arterhaltende Zucht besitzen daher insbesondere Tiere mit dokumentierter Herkunft und nachvollziehbarer Abstammung einen hohen Wert.
Der heutige Kenntnisstand
Durch die Revision von 2017 wurde die Gattung Avicularia deutlich enger definiert als früher. Die karibischen Arten wurden in die Gattungen Caribena und Antillena überführt, während mehrere brasilianische Arten heute der Gattung Ybyrapora angehören.
Trotz dieser Fortschritte bleibt die Erforschung der Aviculariinae ein aktives Arbeitsfeld. Insbesondere molekulargenetische Untersuchungen dürften in Zukunft weitere Erkenntnisse über die Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Unterfamilie liefern und möglicherweise zusätzliche Änderungen der Systematik nach sich ziehen.
Literatur
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WEST, R.C.; MARSHALL, S.D.; FUKUSHIMA, C.S. & BERTANI, R. (2008): Review and cladistic analysis of the Neotropical tarantula genus Ephebopus Simon, 1892 (Araneae: Theraphosidae) with notes on the Aviculariinae. Zootaxa 1849: 35-58.
WORLD SPIDER CATALOG (laufend aktualisiert): Natural History Museum Bern. Aktuelle Referenzdatenbank zur Systematik der Theraphosidae.
